In meiner Arbeit mit Männern erlebe ich immer wieder: Hinter dem Wunsch nach Stärke steckt oft ein tiefer Wunsch nach Entlastung, Verbindung und innerer Klarheit. Männerarbeit bedeutet für mich deshalb nicht, Männer zu „optimieren“, sondern ihnen einen Raum zu öffnen, in dem sie sich selbst wieder ehrlicher begegnen können.
Zwischen Stärke und Verletzlichkeit
Viele Männer sind mit Bildern von Männlichkeit aufgewachsen, die wenig Raum lassen für Zweifel, Angst oder Bedürftigkeit. Ein Mann soll klar sein, belastbar, souverän, sexuell kompetent und emotional möglichst nicht zu abhängig.
Doch das Leben ist komplexer. Beziehungen fordern uns heraus, Sexualität verändert sich, der Körper sendet Signale, die sich nicht wegdrücken lassen. Wer nur über Stärke definiert ist, gerät früher oder später unter Druck.
Genau dort beginnt oft die eigentliche Entwicklungsarbeit: nicht beim besseren Funktionieren, sondern beim ehrlichen Hinsehen.
Was Männer heute brauchen
Männer brauchen heute nicht noch mehr Druck, sondern mehr Orientierung im Inneren. Sie brauchen Orte, an denen sie nicht bewertet, sondern verstanden werden. Orte, an denen Fragen erlaubt sind wie:
- Was will ich wirklich?
- Was fühle ich eigentlich?
- Wo passe ich mich an, obwohl es mir nicht guttut?
- Wie gehe ich mit Scham, Unsicherheit und Begehren um?
- Wie kann ich Nähe zulassen, ohne mich zu verlieren?
Solche Fragen sind keine Schwäche. Sie sind oft der Beginn einer reiferen Form von Männlichkeit.
Körper, Sexualität und Präsenz
In der körperorientierten Sexualtherapie zeigt sich häufig, dass viele Männer sehr stark im Kopf leben. Sie beobachten sich, bewerten sich, vergleichen sich — und verlieren dabei den Kontakt zum Körper. Gerade in der Sexualität führt das schnell zu Druck, Rückzug oder dem Gefühl, nicht zu genügen.
Männerarbeit heisst dann auch, wieder ins Spüren zu kommen. Den Atem wahrzunehmen. Spannungen zu bemerken. Erregung nicht nur als Leistung, sondern als lebendigen Prozess zu verstehen. Wer lernt, im eigenen Körper präsenter zu sein, wird oft auch in Beziehungen klarer, ruhiger und echter.
Eine neue Form von Männlichkeit
Ich glaube, dass eine zeitgemässe Männlichkeit nicht härter, sondern bewusster wird. Sie muss nicht perfekt sein, aber sie sollte ehrlich sein. Sie braucht keine ständige Kontrolle, sondern die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, Verantwortung zu übernehmen und dennoch offen zu bleiben.
Eine solche Männlichkeit ist nicht schwach. Sie ist getragen von Kontakt, Reflexion und Mut zur Wahrheit.
Mein Fokus für die Zukunft
Mein beruflicher Fokus liegt zunehmend auf der Männerarbeit, weil ich sehe, wie gross der Bedarf ist. Viele Männer suchen keinen Vortrag über richtige Männlichkeit, sondern einen geschützten Raum, in dem sie mit ihren Themen auftauchen dürfen — sei es in Bezug auf Sexualität, Beziehung, Scham, Leistungsdruck oder Orientierung im Leben.
Genau dafür möchte ich mich weiter einsetzen: für eine Männerarbeit, die nicht urteilt, sondern unterstützt. Die nicht belehrt, sondern begleitet. Und die Männern hilft, sich selbst und anderen mit mehr Präsenz, Würde und Lebendigkeit zu begegnen.
Federico Rath – Sexualtherapie in Bern
authentisch · wertschätzend · individuell