11. Februar 2026 - Allgemein

Was ist heute als Mann noch erlaubt? Über Nähe, Lust und Orientierung in einer neuen Zeit der Männlichkeit

Was bedeutet es heute, Mann zu sein – in Beziehungen, in Sexualität, im Kontakt mit sich selbst? Diese Frage begegnet mir zunehmend in meiner Praxis. Viele Männer fühlen sich zwischen alten Bildern und neuen Erwartungen hin- und hergerissen. Einerseits wächst das Bewusstsein für Gleichwertigkeit, Achtsamkeit und emotionale Reife – andererseits herrscht Unsicherheit: Wie kann ein Mann authentisch begehren, Nähe suchen, führen oder sich hingeben, ohne in überholte Rollen zu verfallen?
Was ist heute als Mann noch erlaubt? Über Nähe, Lust und Orientierung in einer neuen Zeit der Männlichkeit

Was ist heute als Mann noch erlaubt? Über Nähe, Lust und Orientierung in einer neuen Zeit der Männlichkeit

Was bedeutet es heute, Mann zu sein – in Beziehungen, in Sexualität, im Kontakt mit sich selbst? Diese Frage begegnet mir zunehmend in meiner Praxis. Viele Männer fühlen sich zwischen alten Bildern und neuen Erwartungen hin- und hergerissen. Einerseits wächst das Bewusstsein für Gleichwertigkeit, Achtsamkeit und emotionale Reife – andererseits herrscht Unsicherheit: Wie kann ein Mann authentisch begehren, Nähe suchen, führen oder sich hingeben, ohne in überholte Rollen zu verfallen?

Zwischen Stärke und Verletzlichkeit

Lange Zeit wurde Männlichkeit über Kontrolle, Leistung und Funktionieren definiert. Doch diese Form von Stärke ist oft brüchig – sie schliesst Gefühle und Verletzlichkeit aus. In der Sexualität zeigt sich das als Druck, zu «müssen» statt zu fühlen. Viele Männer erleben dann, dass der Körper stoppt – und genau dort beginnt meist der Weg zu einer neuen, reiferen Männlichkeit: einer, die spürt, statt zu performen.

Lust als Beziehungskompetenz

Lust ist kein Beweis von Potenz, sondern Ausdruck von Präsenz. Wenn Männer lernen, mit ihren Empfindungen, Wünschen und Grenzen in Kontakt zu bleiben, entsteht eine ganz andere Qualität von Begegnung. Sexualität wird nicht länger zum Prüfstein der Männlichkeit, sondern zum Kommunikationsraum zwischen zwei Menschen. Diese Fähigkeit – sich mitzuteilen, wahrzunehmen, zu spüren – ist heute eine zentrale Beziehungskompetenz. Sie fordert Offenheit und Achtsamkeit, aber auch Mut, sich nicht zu verstecken.

Orientierung in der Ambivalenz

Viele Männer suchen nach Orientierung in einem Klima, das einerseits Selbstbefreiung fordert, andererseits schnell mit Schuld, Unsicherheit oder Scham aufgeladen ist. In meiner Arbeit erlebe ich, wie heilsam es ist, diesen Widerspruch nicht zu übergehen, sondern ihn bewusst zu halten: zwischen Verantwortung und Freiheit, zwischen Eros und Ethik, zwischen Verletzlichkeit und Kraft. Denn gerade aus dieser Ambivalenz kann etwas Neues entstehen – eine Männlichkeit, die weder schwach noch dominant sein muss, sondern wahrhaftig.

Einladung zum Dialog

Die Frage «Was ist heute als Mann noch erlaubt?» führt nicht zu einer Vorschrift, sondern zu einem Gespräch. Zu einem ehrlichen Forschen darüber, wie Nähe, Lust und Respekt zusammenpassen; wie Mann-Sein lebendig, verantwortlich und frei sein kann. In meinen körperorientierten Therapien, Männergruppen und Paarsettings lade ich dazu ein, dieser Frage Raum zu geben – achtsam, respektvoll und mit Humor. Darin liegt vielleicht die Antwort: Nicht zu wissen, was erlaubt ist, sondern zu spüren, was sich echt anfühlt.

Federico Rath – Sexualtherapie in Bern
authentisch · achtsam · verbindend