11. Dezember 2025 - Allgemein

Erektionsprobleme als Signal für neue Männlichkeit

Viele Männer, die zu mir in die Praxis kommen, erzählen mit einem leisen Ton: „Ich funktioniere nicht mehr.“ In diesem Satz steckt oft Scham, Selbstzweifel und der Wunsch, wieder „normal“ zu sein. Doch hinter der Erektionsstörung verbirgt sich selten ein reines medizinisches Problem. Häufig ist sie ein Signal des Körpers – eine leise, aber deutliche Einladung hinzuspüren, was im Inneren wirklich geschieht.
 Erektionsprobleme als Signal für neue Männlichkeit

Erektionsprobleme achtsam verstehen – Weg zur Authentizität

Wenn Männlichkeit unter Druck steht

Seit Generationen wird Männlichkeit mit Leistung, Kontrolle und Stärke verbunden. Dieses Bild prägt auch unser Verständnis von Sexualität – es geht darum, „zu können“, zu beweisen, zu genügen. Doch Sexualität, die auf Funktionieren basiert, verliert ihr lebendiges, spielerisches Wesen. Wenn der Körper dann eines Tages stoppt, kann das schmerzhaft sein. Und gleichzeitig kann genau dieser Moment der Anfang einer tieferen Verbindung zu sich selbst werden.

Erektionsprobleme zeigen oft, dass der Körper sich gegen Überforderung, Leistungsdruck oder emotionale Distanz wehrt. Das vermeintliche „Versagen“ ist also kein Feind, sondern ein Hinweis: Etwas in mir braucht mehr Ruhe, Nähe, Vertrauen.

Der Körper spricht – wenn wir bereit sind zuzuhören

Erektion und Erregung sind fein abgestimmte Prozesse zwischen Körper, Geist und Gefühl. Stress, Sorgen oder innerer Druck aktivieren unser Nervensystem auf eine Weise, die Entspannung und Lust blockiert.
Wer ständig funktionieren will, hält den Atem an, zieht den Bauch ein, verliert den Kontakt zum Körper. Doch Erregung braucht das Gegenteil: Loslassen, Tiefe im Atem, Empfänglichkeit.

In der körperorientierten Sexualtherapie lade ich Männer ein, wieder in diese Verbindung zurückzufinden. Das beginnt oft ganz einfach – mit Atmen, Spüren, Wahrnehmen. Manchmal entdecken Klienten zum ersten Mal seit Jahren, wie lebendig der Körper sich anfühlen kann, wenn kein Ziel im Raum steht.

Vom Müssen ins Spüren

Wenn der Druck weicht, entsteht Raum für Achtsamkeit. Sexualität wird dann kein Prüfungsraum mehr, sondern ein Erfahrungsraum. Es geht nicht darum, etwas zu leisten, sondern sich selbst und den anderen zu erleben.
Das verändert viel: Wie Nähe entsteht, wie Berührung empfunden wird, wie Vertrauen wächst. Männer berichten, dass sie sich wieder lebendiger fühlen – nicht, weil „es wieder klappt“, sondern weil sie in Verbindung mit sich selbst gekommen sind.

Eine neue Form von Männlichkeit

Erektionsprobleme können ein Wendepunkt sein – weg von einer Männlichkeit, die Stärke über Kontrolle definiert, hin zu einer, die Tiefe, Spüren und Verletzlichkeit zulässt. Ein Mann, der sich erlaubt, ehrlich zu fühlen, wird nicht „weniger männlich“, sondern authentischer.

Diese neue Männlichkeit ist weich und dennoch klar. Sie sucht nicht den Beweis im Funktionieren, sondern die Wahrheit im Erleben.
Vielleicht ist das die schönste Form von Potenz: die Kraft, präsent zu sein – mit dem, was gerade ist.

Einladung

Wenn du dieses Thema kennst – aus eigener Erfahrung oder in der Beziehung – lade ich dich ein, es nicht länger im Stillen zu tragen. Erektionsprobleme sind kein Makel, sondern ein Ausdruck davon, dass dein Körper dich zurückholen möchte: in die Verbindung, ins Vertrauen, in die Lebendigkeit.

In einer achtsamen, körperorientierten Sexualtherapie darf das geschehen – ohne Druck, ohne Bewertung, mit der Haltung: Alles, was sich zeigt, darf da sein.

Federico Rath – Sexualtherapie in Bern
authentisch · achtsam · verbindend