27. Dezember 2025 - Allgemein

Vom Diagnosieren zum Verstehen in der Sexualtherapie

In der Sexualtherapie begegnen mir Menschen, die sagen: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Manchmal zeigt sich das in Form von Lustlosigkeit, Angst, Leistungsdruck oder körperlichen Symptomen. Doch was wir oft als „Störung“ bezeichnen, erzählt in Wahrheit von einem komplexen Zusammenspiel aus Beziehung, Wahrnehmung und Geschichte. David Schnarch, Psychotherapeut und Begründer des Mind-Mapping-Ansatzes, lädt uns ein, Störungen nicht als Defekte zu sehen, sondern als Ausdruck innerer Konflikte. Wenn wir den Mut haben, genau hinzuschauen, entdecken wir dahinter oft unbewusste Loyalitäten, alte Bindungsmuster und Schutzmechanismen – Strategien, die einst hilfreich waren, heute aber blockieren können, lebendig in Beziehung zu treten.
Vom Diagnosieren zum Verstehen in der Sexualtherapie

Ein anderer Blick auf sexuelle Störungen – vom Funktionieren zum Fühlen

Wenn „Lesen der anderen“ zu Schmerz führt

Wir Menschen sind von Natur aus Beziehungswesen. Wir spüren, was andere fühlen, auch wenn kein Wort fällt. Dieses intuitive Erfassen – Schnarch nennt es Mind Mapping – ist Grundlage jeder Empathie. Doch wenn wir in Beziehungen erleben, dass dieses Gespür verletzt oder überfordert wird, kann daraus etwas entstehen, das er traumatisches Mind Mapping nennt.

Wer als Kind spürt, dass Konflikte, Ärger oder Enttäuschung in der Familie nicht ausgesprochen werden dürfen, lernt, seine eigene Wahrnehmung zu dämpfen. Der Körper zieht sich zurück, Spannung, Scham oder ein Gefühl des Getrenntseins breiten sich aus. Diese Mechanismen wirken später auch in der Sexualität und in enger Beziehung fort – oft unbewusst.

Heilung durch Klarsicht und Körperbewusstsein

Heilung beginnt, wenn wir bereit sind, das, was wir in uns und anderen wahrnehmen, wieder ernst zu nehmen – auch wenn es unbequem ist. Das bedeutet, in Kontakt zu kommen mit der eigenen inneren Wahrheit, selbst wenn sie nicht in das alte Bild von „alles ist gut“ passt.

In der körperorientierten Sexualtherapie geschieht dieser Prozess über den Körper: durch Atmung, Spüren, sanfte Bewegung und ehrliche Kommunikation. Unser Nervensystem darf lernen, dass Kontakt sicher ist – dass Nähe nicht Bedrohung bedeutet, sondern Resonanz. Aus dieser Erfahrung entsteht oft etwas sehr Berührendes: Präsenz.

Vom Diagnosedenken zur Begegnung

Wie Annette Bischof-Campbell es treffend formuliert: Diagnosen sind wie Weissbrot – durchaus brauchbar, aber nicht nahrhaft genug, um den ganzen Menschen zu erfassen.
Wenn wir aufhören, das Symptom zu pathologisieren, und stattdessen den Menschen mit seiner Geschichte sehen, öffnen sich neue Wege der Entwicklung. Eine sogenannte „Störung“ zeigt nicht, was falsch ist – sondern, wo etwas Lebendiges, Ungesagtes oder Ungeliebtes nach Aufmerksamkeit ruft.

Gerade in der Sexualtherapie kann dieser andere Blick heilsam sein. Denn Sexualität lebt von Echtheit, Wahrnehmung und Verbindung – und genau da, wo diese fehlen, lohnt sich der Weg zum Spüren, Erkennen und neuen Verstehen.

Federico Rath – Sexualtherapie in Bern
authentisch · achtsam · verbindend